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ArtCraft: Gratis-Alternativen zu Premiere Pro und After Effects

| Joachim Sauer

FilmCraft für den Videoschnitt, EffectCraft für Animation und Compositing: ArtCraft will vertraute Adobe-Arbeitsabläufe kostenlos und als Open Source anbieten.

Kostenlose Kreativprogramme mit vertrauter Bedienung und ohne Abonnement: Mit diesem Versprechen sorgt ArtCraft derzeit für viel Aufmerksamkeit. Die ursprünglich vor wenigen Tagen vorgestellte Sammlung aus sieben Adobe-Alternativen umfasst inzwischen schon 13 Anwendungen. Für Filmschaffende stehen insbesondere FilmCraft als Alternative zu Premiere Pro und EffectCraft als Gegenstück zu After Effects im Mittelpunkt. Beide werden für Windows, macOS und Linux angeboten, befinden sich aber noch in Entwicklung. Zum Hype trägt die Entstehungsgeschichte bei. Entwickler Brandon Thomas berichtet, die ursprünglichen sieben Programme mithilfe von Claude Opus 5.5 in Rust nachgebaut zu haben. In seiner Projektvorstellung auf Reddit kündigte er sogar an: „We're going to reach 100% parity within a month“ – vollständige Gleichwertigkeit innerhalb eines Monats. Zugleich verwies er auf seine langjährige Entwicklererfahrung und ein unterstützendes Team.

Die Oberfläche erinnert nicht nur ein bisschen an Adobe Premiere - sie soll genau daran angelehnt sein und somit den Umstieg leicht machen. Auch wenn das derzeit vielleicht etwas früh ist. 

Bei FilmCraft setzt ArtCraft auf den vertrauten Premiere-Workflow: Quell- und Programmmonitor, Mehrspur-Timeline, Drei-Punkt-Schnitt und unterschiedliche Trim-Modi. Die Produktseite nennt außerdem Farbkorrektur mit Kurven, Farbrädern und LUTs, HDR- und Log-Workflows sowie rund 55 Videoeffekte und 30 Übergänge. Für den Ton werden Mischpultautomation und Lautheitsmessung nach EBU R128 beworben. Angeboten wird derzeit Version 0.6.0. Wie weit diese Funktionsliste von einem verlässlichen Premiere-Ersatz entfernt ist, erläutert das Team selbst. In der am 10. Oktober aktualisierten Bewertung nennt es rund 86 Prozent Funktionsbreite, schätzt den Fortschritt auf dem Weg zur Ablösung von Premiere in realen Projekten aber auf lediglich 56 Prozent. Derzeit kann FilmCraft Premiere-Projektdateien mit der Endung .prproj noch nicht öffnen. Sequenzen sollen sich stattdessen über FCP7 XML, AAF oder OTIO übertragen lassen. Auch fehlen Schnittstellen für VST3-, Audio-Units- und OpenFX-Plug-ins. Weitere Baustellen sind die Geschwindigkeit bei umfangreichem Material und die Verarbeitung realer Kamera- und Smartphone-Dateien.

Letztlich soll ArtCraft die komplette Adobe Creative Suite abbilden und damit dem Branchenprimus das Wasser abgraben. 

EffectCraft verfolgt einen ähnlichen Ansatz für After-Effects-Anwender. Kompositionen, Ebenen, Keyframes, Graph-Editor, Expressions sowie 3D-Kameras und Lichtquellen orientieren sich laut Dokumentation an Adobes Bedienkonzept. Hinzu kommen Lottie-Import und -Export sowie eine Schnittstelle, über die KI-Agenten Befehle ausführen können. Damit verbindet das Projekt klassische, gezielt editierbare Animation mit automatisierter Bedienung. Gerade bei EffectCraft fällt die eigene Einschätzung der Entwickler deutlich aus: „It isn't yet a replacement for After Effects on client work“ – für Kundenaufträge sei es noch kein Ersatz für After Effects. Bestehende .aep- und .aepx-Projekte lassen sich nicht öffnen, After-Effects-Plug-ins laufen ebenfalls nicht. Für Anwender bedeutet das: Eine ähnliche Oberfläche erlaubt noch keine direkte Übernahme vorhandener Projekte und Erweiterungen.

Die Roadmap beziffert die Funktionsbreite auf etwa 91 Prozent, den Fortschritt zur professionellen Einsatzreife aber auf rund 45 Prozent. Als offene Aufgaben nennt das Team unter anderem Absturzbehebung, Vorschaugeschwindigkeit und systematische Vergleiche der Ergebnisse mit After Effects. Die Dokumentation räumt damit ausdrücklich ein, dass vorhandene Funktionen noch nicht zwingend dieselben Resultate liefern wie das Adobe-Vorbild.

ArtCraft macht damit einen interessanten Versuch, die vertrauten Arbeitsweisen von Premiere Pro und After Effects in freie Anwendungen zu übertragen. Der Hype greift jedoch vor, wenn daraus bereits ein vollwertiger Ersatz für Adobes Videowerkzeuge abgeleitet wird. Für einen Wechsel zählen zuverlässiger Schnitt, korrekte Render-Ergebnisse und die Übernahme bestehender Projekte. Genau dort zeigen sowohl die Entwicklerangaben als auch erste Tests noch wesentliche Lücken.

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